"Schönheit rettet die Welt."*

*sagt Fjodor Dostojewski, sagt Günther Titz, in Einführung LINIE.RAUM, 2017, Dr. Dirk Teuber

Günther Titz findet Formen, wobei Form für den Künstler in erster Linie Proportionalität bedeutet. Er distanziert sich dabei vom Prozess einer Komposition, von der Malerei als Schöpfung. Statt von einer Komposition wird jedes Bild von seinem eigenen Findungsprozess bestimmt.
Von Pappkarton, Zahlencode...
Dr. Dirk Teuber, 2018
Beobachtungen zu einigen Werken
von Günther Titz


Aseptische Distanz
Heike Marx, 2015
Die Rheinpfalz - Kultur Regional
2. März 2015

OUT OF THE DARK
Katharina Arimont, M.A., 2015
Einführungsrede
Kunsthaus Frankenthal (Pfalz)


Spiele der Doppeldeutigkeit
Prof. Dr. Johannes Meinhardt, 2015
Katalogtext
Günther Titz - Malerei und Fotografie

Aseptische Distanz
Kunsthaus: Frankenthaler Ausstellung mit konzeptuellen Arbeiten von Günther Titz gerät etwas spröde; von Heike Marx, DIE RHEINPFALZ - KULTUR REGIONAL, Montag, 2. März 2015


Günther Titz zeigt Gemälde und Fotografien im Kunsthaus. Der in der Nähe von Stuttgart lebende Konzeptkünstler war schon für den Perron- und den Rockenhausener Kahnweiler-Preis nominiert. Die Frankenthaler Ausstellung ist etwas spröde und macht es dem Betrachter nicht leicht. Titz nennt sie „Out of the dark“. Zu sehen ist viel intensiv glänzendes Weiß und helles Designerblau. Beides erscheint in einer konzeptuellen Präsentation wie irritierende Fremdkörper.

Konzeptkünstler malen keine Bilder im herkömmlichen Sinn; sie visualisieren Gedankliches und entwickeln dafür eine Methode: ihr Konzept. Günther Titz ist ein rigoroser Methodiker. Die Entstehung eines Bildes nennt er einen „Findungsprozess“. Dieser führt von einem gefundenen, gezielt gesuchten Material über mehrere, im wesentlichen identische Bearbeitungsschritte zu einem Bild, das man auch ohne Bezug auf seine Entstehungsgeschichte ganz anderes lesen könnte. Betrachten wir zuerst naiv das Bild und sehen uns danach den „Findungsprozess“ an.
Es ist oben und unten breiter und blendender weiß als ein gewöhnliches Galerieexemplar. Das eigentliche Bildgeschehen in Form farbiger Horizontalstreifen ist in manchen Bildern so schmal, dass der Eindruck entsteht, man spähe durch einen Sehschlitz auf etwas Verborgenes, das hinter dem Bild liegt.
Die tiefste Schicht schlummert in heimeligem Ockergelb. Schwarze Musterung darin sind zu bruchstückhafter Existenz erweckt: Buchstaben, Zahlen. Sie sind überstrichen, in Teilen wieder ausgekratzt, neuerlich überstrichen. Diese im Aufbau des Bildes zuunterst liegende Farbleiste hat eine bewegte und lyrische Anmutung. Nach oben und unten flankieren sie hellblaue und graue Streifen, eine kühle, edle Farbwahl. Die glänzenden Oberflächen im Zusammenwirken mit dem ebenfalls glänzenden Weiß strahlen eine fast aseptische Distanz aus, eine Art Negativemotion.
Nun zum Findungsprozess: am Anfang steht ein naturfarbener Karton mit Zahlenaufdruck. Es ist so ziemlich das Gewöhnlichste und Nüchternste, was man sich vorstellen kann. Aber nicht für einen bildenden Künstler, auf den das Naturmaterial Papier und Druckerschwärze eine besondere Faszination ausüben.
Wenn Titz von der Schönheit der Zahlen auf Verpackungskartons spricht bekommt seine Stimme einen warmen Klang. Warm, wie die tiefste Schicht im kalten Bild. Manchmal bleibt er bei den Zahlen stehen, setzt sie in einer vielteiligen Bodeninstallation als ernste schwarze Zeichen auf edelweißen Grund. Meist macht er sie jedoch zum Ausgangspunkt einer ästhetischen Transformation.
Günther Titz kaschiert den Originalkarton auf Holz. Aufgedruckte Zahlen und Buchstaben überstreicht er mit schwarzen und grauen Farbbalken. Titz misst die Höhen der Buchstaben und die Abstände der Aufdrucke auf den Kartonseiten aus, bringt sie alle auf die eine Fläche, die einmal das Bild werden soll.
Der Künstler projiziert sie gleichsam vom Volumen in die Fläche. Er schleift Farbe weg, streicht neue auf. Er benutzt dafür einen Acryllack, der aussieht, wie industriell aufgespritzt. Das Gestaltungsmittel ist also das gerade Gegenteil vom Fundstück Karton. Daher entfaltet das fertige Bild eine Anmutung, die sich vom Ausgangsmaterial weit entfernt hat. Es ist diese Anmutung, die auf den Betrachter einwirkt. Ein Bild ist eben doch ein Bild ist ein Bild...
Was in den Gemälden der Hochglanzlack, ist in den Fotografien die Glasfläche mit ihren Spiegelungen. Günther Titz fotografiert durch eine Glaswand in einen Innenraum hinein, der infolge zahlreicher Spiegelungen für das Auge des Betrachters nicht real zu existieren scheint.
So trickreich das bisweilen wirkt, sei es einfache analoge Fotografie, erklärt Titz. Im Verwirrspiel von Durchblicken und Spiegelungen fällt ein Motiv besonders auf. Wie Glaswand hinter oder im Winkel zu Glaswand steht, verwischt sich zu Unschärfe; einzig ein Doppeltürknauf steht haarscharf zentral im Bild. Wie eine - falsche? - Verheißung von Realität im virtuellen Bildraum.

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